Nicht jede Kuh kann immer gesund sein - 6.8.19

Was ein hiesiger Landwirt zu den Missständen in Bad Grönenbach sagt

Thomas Dörflinger (CDU) streichelt auf dem Hof von Josef Härle ein junges Kalb. (Foto: Sybille Glatz)

Von Sybille Glatz

Goppertshofen - Es sind Bilder, die selbst für Hartgesottene schwer erträglich sind: heimlich gemachte Filmaufnahmen des Soko Tierschutz zeigen, wie auf einem großen Milchviehbetrieb im bayerischen Bad Grönenbach Kühe gequält und misshandelt wurden und elend verendeten. Staatsanwaltschaft und Polizei ermitteln und decken Zug um Zug das Ausmaß der Missstände auf (SZ berichtete). Auch hierzulande sind Verbraucher verunsichert und fragen sich: Kann ich noch guten Gewissens Milch trinken?
 
Dörflinger ärgert sich „Es ist ärgerlich, dass gravierende Verstöße in einem Betrieb auf eine ganze Branche ausstrahlen“, sagt der Landtagsabgeordnete Thomas Dörflinger (CDU). „Es gibt andere positive Beispiele, die aber durch die schwarzen Schafe verdeckt werden.“ Als er das sagt, sitzt er nur ein paar Meter von den 170 Milchkühen entfernt, die Josef Härle in Goppertshofen hält. Härle neben ihm äußert sich zurückhaltend: „Ich erlaube mir kein Urteil über den Landwirt in Bad Grönenbach. Er hat 99,9 Prozent gegen sich. Die Medien hacken auf ihm rum“, sagt Härle. Er betont: „Es kann nicht jede Kuh 365 Tage im Jahr gesund sein, das geht nicht. Aber dafür ist ja der Landwirt da und der Tierarzt. Für mich kommt zuerst die Milchkuh und dann der Rest.“
 
Der Hof ist ein konventioneller Milchviehbetrieb mit 170 Kühen. Mehr sollen es auch in Zukunft nicht werden, sagt Härle. Aus seiner Sicht ist der wirtschaftliche Druck dafür verantwortlich, dass die Betriebe immer größer geworden seien. „Als ich 1980 meine Lehre angefangen habe, hat ein Landwirt für einen Liter Milch 76 Pfennig bekommen. Jetzt sind es 34 Cent.“ Die Betriebsgröße hält Dörflinger beim Tierwohl nicht für entscheidend: „Oft heißt es ja: ,Kleiner Betrieb gleich gut, großer Betrieb gleich schlecht'. Ich bin da vorsichtig.“
 
Dass mehr Kontrollen Missstände wie in Bad Grönenbach verhindern könnten, glaubt der Abgeordnete nicht so recht: „Der erste Reflex bei Missständen ist, mehr Kontrollen zu fordern. Ich bin mir nicht sicher, ob das hilft. Sicher muss man die Kontrollmöglichkeiten, die man hat, konsequent ausnutzen und genau hinschauen.“ Dörflinger spricht sich zwar dafür aus, dass die Veterinärämter besser ausgestattet werden, verweist aber bei der konkreten Umsetzung auf den nächsten Doppelhaushalt des Landes.
 
Zum letzten Mal war das Veterinäramt im vergangenen Jahr zu Besuch auf dem Härle-Hof. Eine Routinekontrolle. Darüber hinaus lässt Härle den Hof alle zwei Jahre freiwillig kontrollieren und bezahlt einen externen Berater, der die Herde mitüberwacht. Er betont, dass er nichts zu verstecken habe. „Ich bin immer bereit, Leute auf den Hof zu lassen.“ Mit Dörflinger sind etwa 50 Teilnehmer der Radtour des Abgeordneten auf den Hof von Härle gekommen. Der Landwirt führt die Besucher durch den Kuhstall. Schon von außen ist erkennbar: Es ist ein moderner Kuhstall, vor viereinhalb Jahren wurde er gebaut. Es ist ein hohes Gebäude mit vielen offenen Türen und Fenstern. Die meisten Fenster sind geöffnet, sie sorgen für Luft und Licht. Die schwarz-weiß gefleckten Kühe bewegen sich frei, keine ist angekettet. Rund um die Uhr haben sie Zugang zum sogenannten Grundfutter, das aus Mais, Grassilage, Stroh und Getreide besteht. Darüber hinaus erhält jede Kuh eine individuelle Ration an Kraftfutter mit Eiweiß und Getreide. Auch die kann sich Kuh selbst holen, ein Sender in ihrem Halsband sagt dem Computer, wie viel sie davon schon hatte und was sie noch bekommt.
 
Von wegen dumme Kuh
 
Auch zum Melken am Melkroboter gehen die Kühe selbstständig. „Es heißt zwar dumme Kuh, aber das ist falsch. Kühe sind sehr intelligent und wissen, wie sie mit dem Roboter umgehen müssen. Die Kühe möchten gemolken werden. Selten kommt es einmal vor, dass eine Kuh es ,verschläft', sich melken zu lassen“, berichtet Härle. Dass sie zu oft gemolken werden, verhindert wiederum der Computer. „Die Melkzeiten sind begrenzt.“ Wenn sie nicht gerade fressen oder gemolken werden, liegen die Kühe auf ihren Plätzen. Jedes Tier hat einen eigenen Platz. Die Liegeplätze sind etwas erhöht und mit Matten gepolstert. Härle erklärt, wie er die Matten auswählt: „Wenn ich eine Matte kaufe, lasse ich mich mit den Knien drauf fallen. Wenn mir das nicht weh tut, ist die Matte auch für die Kühe geeignet.“ Die Kühe sorgen auch selbst dafür, dass sie sauber bleiben. In der Mitte des Stalls stehen große Bürsten, an denen sie sich reiben können. „Die Kühe atmen auch über das Fell. Deshalb ist es wichtig, dass es luftig und sauber bleibt“, erklärt der Milchviehhalter. Oben an der Decke dreht sich ein Ventilator, ein Gerät versprüht Wassernebel. „Kühe mögen es lieber kühl“, sagt Härle zur Erklärung. Den Kuhmist in den Gängen entfernt ein Roboter. Aus Mist und Gülle gewinnt Härle in einer kleinen Biogasanlage Strom.
 
Ein spezieller Bereich im Stall ist zusätzlich mit Stroh ausgelegt. Hier stehen die trächtigen Kühe. Und die kranken. Beim Rundgang ist eine Kuh zu sehen, die einen geschwollenen Fuß hat, eine zweite liegt erschöpft im Stroh: Sie hat gerade gekalbt. „Ich hätte sie verstecken können, aber das tu' ich nicht. Ich habe nichts zu verstecken. Eine Landwirtschaft kann nie ohne eine kranke Kuh sein.“

Copyright Schwäbische Zeitung - Ausgabe Biberach vom 6.8.2019