Hermann will Mobilität radikal ändern - 12.6.19

Der Verkehr verursacht mehr statt weniger Treibhausgase - Minister will Trend umkehren

Von Kara Ballarin

Stuttgart - Seit acht Jahren verantwortet Winfried Hermann (Grüne) den Verkehr im Südwesten. „Ich habe nicht das Gefühl, dass ich ein erfolgloser Minister bin“, sagte er jüngst. Und doch haben die CO2-Emissionen zu- statt abgenommen. Das Verkehrsministerium geht bis 2020 von einem Anstieg um 11,5 Prozent im Vergleich zu den 20,8 Millionen Tonnen CO2 im Jahr 1990 aus.


Das ist zwar ein deutschlandweiter Trend, im Land will Hermann diesen aber umkehren. Er appelliert an die Bürger, jeden zweiten Weg ohne Auto zurückzulegen, will Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln drastisch erhöhen, mehr Autos ohne Diesel- und Benzinmotor auf die Straße bringen, die Städte von einem Drittel der Autos befreien und deutlich mehr Güter klimaneutral statt mit Diesellastern transportieren.


Deutschland hat sich zum Ziel gesetzt, die Treibhausgasemissionen im Verkehrssektor bis 2030 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren. Die Bundesregierung hat im September ein Beratungsgremium eingerichtet, das dazu Lösungen erarbeiten soll. In dieser Nationalen Plattform Zukunft der Mobilität (NPM) arbeitet die Industrie ebenso mit wie etwa Naturschutzverbände und die Bahn. Leiter der Arbeitsgruppe Klimaschutz im Verkehr ist Franz Loogen, Geschäftsführer der baden-württembergischen Landesagentur E-Mobil BW. Er ist überzeugt: „Was Winfried Hermann vorgeschlagen hat, ist richtig und realistisch.“


Lob für Hermanns Radikalität

In dieselbe Richtung gehen die Vorschläge seiner Arbeitsgruppe, sagt Loogen. „Wir brauchen deutschlandweit sieben bis zehn Millionen E-Fahrzeuge und solche, die mit regenerativen Kraftstoffen fahren. Und die Menschen müssen sehr viel mehr öffentliche Verkehrsmittel nutzen.“ Hermanns Radikalität begrüßt er. „Wir müssen jetzt wirklich schnell anfangen, sonst verlieren wir zu viel Zeit“, sagt Loogen. An einer CO2-Bepreisung führe zudem kein Weg vorbei, sagt er in Richtung Bund und pocht darauf, dies sozialverträglich zu tun - darin seien sich alle in seiner Arbeitsgruppe einig.


Abgestimmt mit seinem Koalitionspartner hat sich Hermann nicht. Seine Ziele seien indes keine Überraschung, erklärt der Verkehrsexperte der CDU-Landtagsfraktion Thomas Dörflinger. „Auch wir sagen: Der Verkehr muss einen größeren Beitrag leisten“, so der Biberacher Abgeodnete. „Wir haben die gleichen Ziele, aber unterschiedliche Wege.“ Er fordert, den Blick mehr auf technische Innovationen zu richten - und vor allem auf den ländlichen Raum: „Dort ist das Auto oft das einzige Mittel, um von A nach B zu kommen“, sagt er. Mehr Geld für Busse und Lückenschlüsse bei Radwegen entlang von Landstraßen - das müsse sich im Haushalt widerspiegeln, mahnt er in Richtung Finanzministerin Edith Sitzmann (Grüne).


Zwar stelle das Land den Kreisen seit 2017 mehr Geld für den Busverkehr zur Verfügung, sagt Nathalie Münz vom Landkreistag. Doch auch sie sagt: „Wir haben ein bisschen das Gefühl, dass sich Pläne zur Verkehrswende meist auf die großen Städte beschränken.“ Untätig sei die Regierung mit Blick auf den ländlichen Raum nicht. Am Beispiel der Regiobusse zeige sich aber beispielhaft: Die Förderung der Buslinien, die größeren Orte an Bahnhöfe anbinden sollen, ist zu wenig attraktiv. Das Land übernimmt lediglich die Hälfte des Defizits, mehr als die Hälfte der Fördermillionen sind bislang nicht abgerufen worden. „Wir werden den Stundentakt mit Linienbussen auf dem Land auf absehbare Zeit nicht hinbekommen“, sagt Münz. Deshalb plädiert sie dafür, dass das Land Ruftaxis und Sammelbusse stärker fördert.


Bus fährt ohne Fahrer übers Land

Für Franz Loogen ist klar: Die Zukunft des Autos auf dem Land ist elektrisch. „Simulationsmodelle haben gezeigt: Auch auf dem Land fahren die Menschen gar nicht so weite Strecken. Da kann man mit Elektromobilität viel erreichen.“ Das Linienbus-Problem werde sich in zehn Jahren auch gelöst haben: Sie würden abgelöst durch autonom fahrende, elektrisch betriebene Busse.


Wolfgang Grenke, Präsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags, unterstützt im Grundsatz Hermanns Pläne, sieht aber noch viele offene Fragen - etwa bei der Ladeinfrakstruktur für E-Fahrzeuge. „Hier sehen wir noch deutlichen Ausbaubedarf“, so Grenke. Für die exportorientierte Südwest-Industrie sei der Güterverkehr auf der Schiene zu schlecht ausgebaut und zu unzuverlässig, mahnt er in Richtung Bund. Damit doppelt so viele Menschen wie bisher mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit pendeln, bedürfe es zunächst eines deutlichen Ausbaus des Angebots - in der Stadt, jedoch „insbesondere auch im ländlichen Raum“, so Grenke.

Copyright Schwäbische Zeitung - Gesamtausgabe vom 12.6.2019