Wieder mehr Leben in der Innenstadt - 21.4.20

Viele Einzelhändler freut’s, die Betreiber großer Geschäfte aber sehen sich benachteiligt

© Foto von Roland Ray/SZ Laupheim

Roland Ray - Laupheim

So voll wie zu normalen Zeiten ist es am Montag im Laupheimer Stadtzentrum nicht gewesen. Es herrschte aber doch deutlich mehr Betrieb als in den vergangenen Wochen, als wegen der Corona-Pandemie die meisten Geschäfte geschlossen bleiben mussten.

Jetzt dürfen Geschäfte mit weniger als 800 Quadratmeter Verkaufsfläche wieder öffnen, darauf hatten sich Bund und Länder vorige Woche geeinigt. Das freut auch Laupheims Einzelhändler und nicht zuletzt ihre Kunden, von denen immer mehr mit Mundschutz unterwegs sind.

Sicherheit ist Trumpf – das gilt auch für die strikten Abstands- und Hygieneregeln, für welche die Ladenbetreiber Sorge tragen müssen. Mitarbeiter des städtischen Ordnungsamts haben am Montag kontrolliert und werden das nach den Worten von Oberbürgermeister Gerold Rechle regelmäßig tun. Erster Eindruck: „Unsere Einzelhändler haben sich sehr gut auf die Vorgaben vorbereitet.“

Weiter geschlossen bleiben müssen, bis auf wenige Branchen, Geschäfte mit mehr als 800 Quadratmeter Verkaufsfläche. In der Laupheimer Innenstadt betrifft dies Möbel Mock und das größere der beiden Hofmann-Modehäuser. Die Inhaber sehen sich benachteiligt und sprechen von einer Wettbewerbsverzerrung. OB Gerold Rechle, der Biberacher CDU-Landtagsabgeordnete Thomas Dörflinger und der Wirtschaftsverband BDS springen ihnen bei und wollen erreichen, dass die Landesregierung nachjustiert.

Kurt Hofmann hatte gehofft, dass Baden-Württemberg es wie andere Bundesländer hält – dort dürfen große Geschäfte wenigstens auf 800 Quadratmeter Fläche verkaufen. Das Modehaus in der Mittelstraße 12 hat 1200 Quadratmeter. „Wir wollten zwei Ebenen absperren und vorläufig nur das Erdgeschoss öffnen, das sind etwa 700 Quadratmeter“, sagt Kurt Hofmann. „Bis Samstag haben wir gehofft, dass das möglich ist, doch dem war leider nicht so. Es war alles vorbereitet – Abstandsmarkierungen, Spuckschutz im Kassenbereich, Desinfektionsmittel, Mundschutz für die Mitarbeiter –, aber wir haben keine Genehmigung erhalten.“

Das könne er nicht nachvollziehen, sagt Hofmann, zumal doch genügend Platz in seinem Laden vorhanden sei, um die Abstandsregeln einzuhalten. „Da steckt keine Logik dahinter. Es wird nicht genügend differen- ziert.“ Es verzerre den Wettbewerb, wenn kleinere Mitbewerber verkaufen dürften und Einkaufszentren wieder aufsperren, weil die Läden dort als rechtlich selbstständige Einheiten betrachtet werden. Überdies: „Der Online-Handel verkauft Tag und Nacht, und wir sind gebunden!“

Immerhin: Im „H2“, dem knapp 400 Quadratmeter großen zweiten Hofmann-Haus in der Mittelstraße 4, darf seit Montag wieder verkauft werden, ebenso in den Hofmann-Geschäften in Ehingen. Und das „H2“ bietet jetzt einen speziellen Service: Die Kunden können sich aus dem Sortiment im Haupthaus eine Auswahl zusammenstellen und herüberbringen lassen – „das ist in fünf Minuten passiert. Übrigens auch für die Herren der Schöpfung, wiewohl das „H2“ sonst nur Damenmode führt.

Eitel Sonnenschein ist die Lage nicht: „Wir bekommen jetzt die bereits in 2019 bestellte Hochsommerware geliefert, und auch die Aufträge für die Herbst- und Wintersaison sind schon platziert“, berichtet Kurt Hofmann. Die Ware müsse bezahlt werden. Und auch an der Kurzarbeit müsse man einstweilen festhalten.

1600 Quadratmeter Verkaufsfläche hat das Möbel- und Einrichtungshaus Mock. „Wir wollten nur das Erdgeschoss und das erste Obergeschoss öffnen, das sind weniger als 800 Quadratmeter“, sagt Regina Mock. „Wo ist das Problem?“ Doch die aktuellen Vorgaben erlauben keinen Betrieb von Teilflächen, was sie erbost: „Das ist einfach nur unfair, das geht so nicht. Dafür habe ich null Verständnis.“ In ihrem Fachgeschäft ließen sich Kundenströme ungleich besser steuern als anderswo, sagt Mock, zum einen, weil es geräumig sei, und weil viele ihrer Kunden nach vorheriger Terminabsprache kommen. „Ich bin doch kein Ikea, wo man auch zum Spaß und zum Essen hingeht.“

OB Gerold Rechle teilt die Argumentation von Hofmann und Mock. „Ich halte das für Wettbewerbsverzerrung, zumal andere Bundesländer die 800-Quadratmeter-Regel so auslegen, dass Teilflächen betrieben werden dürfen.“ Auch könne es in größeren Geschäften vom vorhandenen Platz her leichter sein, die Kunden so zu lenken, dass die nötigen Sicherheitsabstände eingehalten werden. „Ich möchte keine zusätzlichen Gefahrenquellen schaffen“, betont Rechle. Sofern aber strikt auf den Schutz der Menschen geachtet werde, sei Gleichbehandlung geboten. Über den Abgeordneten Dörflinger, den OB-Sprengel und den Städtetag versuche er auf eine Nachjustierung hinzuwirken.

Auch Thomas Dörflinger ist unzufrieden mit der jetzigen Lösung. Klar sei, „dass der Gesundheitsschutz oberste Priorität hat. Aber so, wie es jetzt ist, ist es nicht logisch, rechtlich schräg und ein unnötiger Eingriff in den Wettbewerb. Bisher waren alle Händler im selben Boot.“

Bei einem Gespräch mit Ministerpräsident Kretschmann wolle die CDU-Landtagsfraktion heute versuchen, eine Änderung zu erreichen, die jedem Händler 800 Quadratmeter zugesteht – „mit hohen Ansprüchen an den Gesundheitsschutz“. Die Mehrzahl der Bundesländer handhabe die 800-Quadratermeter-Regel anders und gestatte Teilöffnungen. Dörflinger betont, dass die Corona-Verordnung des Landes reines Regierungshandeln sei, „da haben wir kein Stimmrecht“. Mehr Ausgewogenheit tue Not: Manche hätten, was die Besucherströme anlangt, „zu sehr Ikea und die Königstraße in Stuttgart im Kopf und zu wenig die Gegebenheiten im Kreis Biberach“.

Copyright Schwäbische Zeitung - Ausgabe Laupheim vom 21.4.20

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