"Widersinning": Betreiber großer Geschäfte fühlen sich benachteiligt - 21.4.20

Friedrich Kolesch und Christian Heinzel sprechen von einer Willkürregelung und erhalten Unterstützung von OB und dem Landtagsabgeordneten

Läden, die mehr als 800 Quadratmeter Verkaufsfläche haben, dürfen weiterhin nicht öffnen. Das sorgt inzwischen für Wut bei den Betreibern. (Foto: Sebastian Kahnert/dpa)

gem - Biberach

Während der Großteil der rund 250 Geschäfte in der Biberacher Innenstadt wieder öffnen darf, müssen alle mit mehr als 800 Quadratmeter Verkaufsfläche weiter geschlossen bleiben. Das betrifft die C&A-Filiale, das Modehaus Kolesch sowie Sport Heinzel. Die Geschäftsführer der beiden Letztgenannten sehen darin eine massive Wettbewerbsverzerrung und erhoffen sich Unterstützung von der örtlichen Politik.

„Ich bin so verzweifelt wie in meinem ganzen Berufsleben noch nie“, sagt Friedrich Kolesch. Der jetzige Zustand zermürbe ihn psychisch und physisch. Noch bis zum Samstag hatte er gehofft, wenigstens 800 Quadratmeter seines Modehauses öffnen zu dürfen. „Die Pläne dafür sind längst gemacht“, sagt er und verweist dabei unter anderem auf Hessen, das seine Regelung noch am Wochenende dementsprechend angepasst habe.

„Wir können alle Abstandsregeln für Kunden und Mitarbeiter einhalten“, sagt Kolesch. Auch einen Sog von Kunden in die Innenstadt sieht er nicht, sollten er und die beiden anderen Geschäfte auf je 800 Quadratmetern verkaufen dürfen. Er gönne es jedem Händler, der nun wieder öffnen dürfe, „aber es ist wirklich schlimm, dass unsere Mitbewerber öffnen und das verkaufen dürfen, was bei uns nun liegen bleibt“. Die Belieferung seines Geschäfts laufe weiter, es gebe geltende Verträge. „Ich bin gezwungen, Kredite aufzunehmen, um Ware zu bezahlen, die ich nicht mehr verkaufen kann“, sagt Kolesch. Auch die Stimmung seiner knapp 50 Mitarbeiter sei mittlerweile am Boden: „Das reicht von blanker Wut bis zu purer Verzweiflung.“

„Widersinnig“ finde er, dass beispielsweise das Blautalcenter in Ulm wieder öffnen dürfe, sein Modehaus aber nicht. „Hätte ich das in zehn Shops unterteilt, dann dürfte ich öffnen. Das ist doch eine nicht nachvollziehbare Willkür. Er hoffe, dass die entsprechende Regelung jetzt zügig geändert werde, sodass auch sein Geschäft wenigstens auf 800 Quadratmetern öffnen dürfe. Ähnlich wie in Österreich wünsche er sich eine Komplettöffnung ab 2. Mai.

Auch für Christian Heinzel ist nicht nachvollziehbar, dass die Bundesländer die Regelung zur Öffnung unterschiedlich handhaben. Er habe bereits mit dem Handelsverband und Kollegen aus der Sportartikelbranche Kontakt aufgenommen, um möglicherweise rechtliche Schritte dagegen zu erwirken. Genug Platz, um die Abstandsregelungen einzuhalten, habe er in seinem Laden. „Wir können jedem Kunden sogar 30 Quadratmeter einräumen“, sagt Heinzel.

Auch mit einer riesigen Steigerung des Kundenaufkommens rechnet er nicht, sollte er 800 Quadratmeter seines Geschäfts öffnen dürfen. „Die Bürgerturmstraße war noch nie die bestfrequentierte Straße der Stadt und wird es vermutlich auch dann nicht sein.“ Heinzel hofft wie Kolesch auf eine möglichst rasche Änderung der geltenden Verordnung. „Jeder Tag, den wir früher öffnen können, würde uns viel helfen.“

Beide Geschäftsleute haben sich auch an den Biberacher Oberbürgermeister Norbert Zeidler gewandt, der ihre Ansicht teilt. Bislang habe er sich immer vor die Corona-Beschlüsse der Landesregierung gestellt. „Wir haben hier aber eine extreme Schieflage erreicht“, sagt er. Mit Bürgermeisterkollegen des Städtetags stehe er bereits in Kontakt, um das Thema von Verbandsseite in die Politik zu tragen. Des Weiteren hat Zeidler am Montagnachmittag einen Brief an Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut und Ministerpräsident Winfried Kretschmann verfasst, der der SZ vorliegt. „Die Nichtöffnung der Einzelhandelsgeschäfte mit mehr als 800 Quadratmetern ist nicht nachvollziehbar, vor Ort auch nicht vermittelbar und wird als Willkür empfunden“, schreibt Zeidler darin.

Dass große Einkaufszentren in Ulm oder Konstanz öffnen dürften, inhabergeführte Traditionshäuser in kleineren Städten dagegen nicht, sei unverständlich, so Zeidler gegenüber der SZ. Sollte das Land es den Kommunen überlassen, eine solche Entscheidung zu treffen, würde er sich davor nicht scheuen, so Zeidler, „aber wir sollten den Föderalismus jetzt nicht noch auf einzelne Landstriche herunterbrechen“. Es brauche eine klare Ansage der Landespolitik.

Auch der hiesige CDU-Landtagsabgeordnete Thomas Dörflinger ist unzufrieden mit der jetzigen Lösung: „Klar ist, dass der Gesundheitsschutz ganz oben steht, aber das lässt sich anders lösen als über die Größe der Verkaufsfläche. So wie es jetzt ist, ist es nicht mehr logisch.“ Die Festlegung auf die 800 Quadratmeter sei nicht das, was der Wirtschaftsausschuss des Landtags, dem Dörflinger angehört, favorisiert habe.

Dies wolle er Ministerpräsident Kretschmann sagen, wenn dieser sich am Dienstag den Fragen der CDU-Fraktion stellt. Die Corona-Verordnung des Landes sei reines Regierungshandeln, „da haben wir Abgeordnete zum Teil eine andere Meinung, aber kein Stimmrecht“, so Dörflinger, der hofft, dass auch die großen Geschäfte zumindest bald einen 800 Quadratmeter großen Verkaufsbereich öffnen dürfen.

Copyright Schwäbische Zeitung - Ausgabe Biberach vom 21.4.20

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