"Modebranche hat's am meisten erwischt" - 17.8.20

CDU-Landtagsabgeordneter Thomas Dörflinger macht Station in Ertingen

CDU-Landtagsabgeordneter Thomas Dörflinger (links) machte auf seiner Sommertour Station im Herren-Bekleidungshaus Wahl in Ertingen. Mit den Geschäftsführern Brigitte und Markus Wahl fand dann ein reger Meinungsaustausch statt, wobei dem Abgeordneten auch konkrete Vorschläge mit auf den Weg gegeben wurden, die dem Einzelhandel in der derzeit schwierigen Situation Hilfe bringen könnten. © Foto: Wolfgang Lutz

Von Wolfgang Lutz

Ertingen - Bewusst hatte sich der Biberacher CDU-Landtagsabgeordnete Thomas Dörflinger bei seiner Sommertour für einen Besuch des Herren-Mode-Fachgeschäftes Wahl in Ertingen entschieden. „Die Königstraße in Stuttgart kenn' ich, die haben Laufkundschaft, was hier im ländlichen Raum so nicht vorhanden ist.“ Daher wollte er vor Ort erkunden, wie der Einzelhandel und hier speziell die Modebranche, mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie umgeht, und wie die Politik hier weiterhin helfend zur Seite stehen kann. Zur anschließenden Runde im Garten von Markus und Brigitte Wahl hatte sich dann auch die Geschäftsführerin des Handelsverbandes Baden-Württemberg, Sabine Hagmann, zugeschaltet. Ebenso war Seniorchef Gerhard Wahl Gast in der Runde.

Auf 793 Quadratmetern Verkaufsfläche bietet das Herren-Modefachgeschäft ein Komplett-Sortiment für Jung und Alt. In dritter Generation führen Brigitte und Markus Wahl das Modehaus, das sich ständig den immer mehr veränderten Kundenansprüchen und -wünschen angepasst und entsprechend aufgestellt hat. Mit 14 Angestellten wird vor allem die Beratung und der Service in den Vordergrund gestellt. So kann das Modefachgeschäft auch auf eine eigene Schneiderei verweisen, in der momentan eine Auszubildende den Beruf der Änderungsschneiderin erlernt. Im Verkaufsteam wurden zusätzlich zwei Mode-Stylisten ausgebildet, deren Dienste auf Wunsch auch individuell gebucht werden können. „Um aber auch die Waren an den Mann zu bringen, bedarf es einer guten Markteinschätzung“, so Markus Wahl. So muss der Bedarf und auch der Modetrend abgeschätzt werden, um den Kundenwünschen gerecht werden zu können.

Schon frühzeitig habe man den „Braten gerochen“, so Geschäftsführer Markus Wahl, und schon bald Konzepte für die Zeit der Corona-Pandemie entwickelt. Dass dies für die Geschäftsleitung und das Verkaufspersonal nicht einfach war, bestätigt auch seine Frau Brigitte. Desinfektion, Abstandshaltung und alles, was an Vorschriften auf das Unternehmen zukam, wurde und wird ständig mit der ganzen Belegschaft abgesprochen und konsequent umgesetzt. Wirtschaftlich gesehen, hat der Lockdown bis heute deutliche Spuren hinterlassen. So fehlen bis jetzt etwa 30 Prozent an Umsatz, die laut Markus Wahl auch in diesem Jahr nicht mehr erwirtschaftet werden können. „Bei der Damenbekleidung sind es 23 bis 33 Prozent an Umsatzverlust, bei den Herren im Schnitt noch mehr“, bestätigte dann auch Sabine Hagmann vom Handelsverband. Auffallend dabei, dass vor allem Baden-Württemberg am schlechtesten unterwegs sei, also bundesweit am wenigsten Geld für Kleidung ausgibt. Daraus werden sich im kommenden Jahr einige Insolvenzen ergeben und „viele Modehändler werden es im nächsten Jahr schwer haben“, so die Geschäftsführerin vom Handelsverband Baden-Württemberg.

Viele Unternehmen, so Thomas Dörflinger, hätten sich für ein Online-Geschäft in dieser Phase entschieden, um eventuell Umsatzverluste etwas abzufedern. Auch hier ist Mode Wahl einen Schritt weit mitgegangen und drei Prozent seines Umsatzes wird aus dieser Art von Verkauf generiert. „Wir streben zehn Prozent Verkaufserlös aus dem Online-Handel an, aber dafür müssen wir viel tun“, so Markus Wahl, der seine Waren online zum gleichen Preis wie im Stammhaus anbietet.

Man sei sich bewusst, dass in Zukunft viele Anstrengungen notwendig seien, um am Markt bestehen zu können. Hier wird weiterhin verstärkt an der Beratung gearbeitet, „ihre Stärke, die Sie hier ausspielen können“, so Thomas Dörflinger. „Das wird uns auch bei den Umfragen bestätigt, was für uns Ansporn und Verpflichtung zugleich bedeutet“, stellt Markus Wahl klar. Ein weiterer Weg, in der Krise Umsatz zu generieren, sieht Markus Wahl in den verkaufsoffenen Sonntagen, wo ein Gutteil des Jahresumsatzes erzielt werde. Er bemängelte aber, dass nur ein „anlassbezogener Verkauf“ stattfinden könne. Wenn wie derzeit große Festivitäten, Jubiläen und Schulabschlüsse fehlen, bei denen man sich extra eingekleidet habe, sei man auf flexiblere Handhabungen angewiesen, was die Verkaufsmöglichkeiten anbelange. „Gerade bei unserem Hauptverkaufsprodukt, den Anzügen, haben wir momentan einen Umsatzverlust von etwa 55 Prozent“, sagte Wahl.

„Was ist zu tun, um dem stationären Handel in dieser Situation zu helfen?“, fragte Thomas Dörflinger in die Runde. Ganz oben auf der Wunschliste natürlich: Kein zweiter Lockdown. Dörflinger schlug eine Prozessoptimierung auch mit der Industrie und unter den Händlern vor. Ganz wichtig dabei sei die Digitalisierung, die auch eine Kosteneinsparung zur Folge habe. „Wenn jemand weg ist, kommt er nie wieder. Wenn der Handel weg ist, verwandeln sich die Orte zu Schlafstätten. Eine Grundversorgung vor Ort, eine lebendige Ortsmitte, wo sich das Leben abspielt, das ist auch eine Chance für junge Leute, um auf dem Land wohnen zu bleiben“, so Thomas Dörflinger. „Einkaufen gehen am Ort und danach ein Besuch im Café. Das ist es doch das, was uns auszeichnet und was wir behalten wollen“, so Sabine Hagmann.

Die Gesetzgebung verschlanken würde dem Einzelhandel viel bringen. „Da gibt es aus der Kaiserzeit Gesetze, die kein Mensch mehr braucht“, gab Markus Wahl dem Abgeordneten mit auf den Weg. „Nennen Sie konkrete Dinge, damit wir reagieren können, wenn auch die Gesetze manchmal zu kompliziert erscheinen mögen“, so der Abgeordnete. Aber trotzdem müssten alle Förderprogramme abgerufen und die IHK dabei mit ins Boot genommen werden, war sein Vorschlag. „Es gibt wirklich gute Programme und Sie sollten weiter Ihre Stärke, die Beratung, den persönlichen Kontakt und Service ausspielen“, empfahl Dörflinger. Dabei, so Wahl, habe man die Zeit des Lockdowns genutzt und sich rechtzeitig dem Thema Digitalisierung gestellt. „Damit können wir unser Unternehmen in der Zukunft anders steuern und optimale Geschäftsabläufe erzielen“, so der Geschäftsführer. Auf jeden Fall könnten die Kunden „wie früher“ ihre Einkäufe im Ertinger Mode-Fachgeschäft tätigen, denn die Verkaufsfläche erlaube genügend Abstand, sagte Brigitte Wahl, nur die Maskenpflicht bleibe bestehen. Danach könne man sich aber einen Espresso auf der Terrasse des Geschäftes genehmigen, was das Einkaufserlebnis abrundet.

Copyright Schwäbische Zeitung - Ausgabe Biberach vom 31. August 2020

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