Wo sich Biber und Bauern friedlich begegnen - 13.11.19

Mit einer Flurbereinigung am Tobelbach möchte Uttenweiler den Konflikt entschärfen

Leben mit dem Biber: Bürgermeister Werner Binder (Dritter von rechts) und der Biberbeauftragte Josef Grom (links) erläutern dem Landtagsabgeordneten Thomas Dörflinger (Zweiter von rechts) vor Ort das Auentwicklungskonzept am Tobelbach, das die Konflikte zwischen Landwirten und Bibern lösen soll. (Foto: Annette Grüninger)

Von Annette Grüninger

Uttenweiler - Wenn Biber und Bauern zusammentreffen, dann bleiben Konflikte in der Regel nicht aus. Auch am Tobelbach bei Oberwachingen klagten die Landwirte jahrelang über geflutete Felder, zerstörte Drainagen oder gefährlich unterhöhlte Böden. Doch nun hat die Gemeinde Uttenweiler zusammen mit Landwirten, Landratsamt und Regierungspräsidium eine Lösung gefunden, mit der wohl beide Seiten gut leben können. Davon zeigte sich auch Landtagsabgeordneter Thomas Dörflinger (CDU) beeindruckt, der nun die Gemeinde Uttenweiler besuchte.

Biber gelten als intelligente Tiere. Doch manchmal verblüffen sie wohl selbst Experten wie Josef Grom. Der Biberbeauftragte des Regierungspräsidiums Tübingen steht zusammen mit dem Landtagsabgeordneten Thomas Dörflinger, Uttenweilers Bürgermeister Werner Binder, Grundstückseigentümern und Vertretern verschiedener Behörden in Gummistiefeln auf einem Acker unweit des Tobelbachs und weist auf den neusten Coup des tierischen Baumeisters. Vom Bach aus hat der Biber einen Damm gegraben, ganze 60 Meter lang, um damit das angrenzende Grundstück großflächig unter Wasser zu setzen - und so ganz bequem schwimmend den benachbarten Maisacker zu plündern.

Am Tobelbach finden die Tiere auch im Winter ein gutes Nahrungsangebot und permanent fließendes Wasser vor, erklärt der Biberbeauftragte. „Hier ist alles da, was der Biber braucht.“ Kein Wunder, dass sich Biber das natürlich mäandernde Gewässer als Lebensraum gewählt haben und schon seit 2007 hier siedeln. Mittlerweile zählt Grom hier vier bis fünf Biberfamilien - und damit kam es zuletzt zunehmend zu Konflikten.

Um sie zu lösen, haben sich die Gemeinde, die betroffenen Landwirte und die beteiligten Behörden für eine Flurneuordnung entschieden. Der Vorteil: Die Maßnahme, die damit dem Erhalt von Produktionsflächen dient, ist mit Fördergeldern verbunden. Die sind wohl auch notwendig, denn für das Vorhaben rechnet die Gemeinde mit Kosten in Höhe von rund 540 000 Euro. Darunter fallen auch Ausgaben für den Grundstückserwerb. Bislang hat die Gemeinde etwa acht Hektar angekauft, die als Tauschfläche für die Landwirte dienen. Entlang des gut zwei Kilometer langen Flussabschnitts wird so Raum geschaffen, auf dem der Biber ungestört schalten und walten kann, ohne weiteren Schaden anzurichten. Dies sei auch aus Sicht der Wasserwirtschaft sinnvoll, um dem Gewässer mehr Platz einzuräumen, bewertet Grom das „Auentwicklungskonzept Tobelbach“: „Das ist eine Win-win-Situation.“ Und auch Christian Helfert vom Flurneuordnungsamt ist begeistert von dem Projekt und vor allem dem Einsatz der Gemeinde: „Wir sind hier alle im Schulterschluss unterwegs. Das ist das, was das Projekt hier in Oberwachingen so besonders macht.“

Derzeit ist der Biberbeauftragte dabei, den Platzbedarf der Biber zu ermitteln, der je nach Topografie ganz unterschiedlich ausfällt. Danach richtet sich auch die Breite des Gewässerrandstreifens. Für das Entwicklungskonzept sind aber noch deutlich aufwendigere Eingriffe erforderlich. Durch den Ab- und Auftrag von Erdmassen wird das Uferbereich gezielt gestaltet, um den Biber sanft in seine Schranken zu weisen. So soll verhindert werden, dass die schlauen Tiere wie bislang die Drainagen mit einem Lehmpfropf verstopfen. Sie wieder instandzusetzen, klagt Bürgermeister Binder, kostet die Gemeinde jährlich einige Tausend Euro. Stattdessen soll als weitere Maßnahme eine neue Leitung verlegt werden, bei der die Drainagen abgefasst und bei Oberwachingen in den Bach geführt werden.

Allerdings: Die Umsetzung des Vorhabens lässt bislang auf sich warten. „Das ist wunderbar, was wir hier machen, aber uns drückt die Zeit“, bringt es einer der Landwirte auf den Punkt. Immerhin: Nachdem das Projekt um ein Jahr verschoben wurde, sollen nun Fördergelder von zirka 70 Prozent fließen. Die Gemeinde hofft jedoch nicht nur auf finanzielle Mittel: Für gewöhnlich wird die Aufwertung von Biotopen mit Ökopunkten honoriert, die dann wieder eingesetzt werden können, um etwa Bau- oder Gewerbegebiete zu erschließen. Ökopunktefähig seien laut Gesetz aber nur die Maßnahmen, bei der die Gemeinden aktiv das Biotop gestalten - und nicht einfach nur den Biber gewähren lassen. Rechtlich befinde man sich hier in einer Grauzone, klagt der Biberbeauftragte Grom und wendet sich direkt an den Landespolitiker: „Das kann nicht sein. Wir müssen doch einen Anreiz für die Gemeinden für solche Projekte schaffen.“

Biber im Landkreis Biberach

Vor zwei Jahren hat der Biberbeauftragte Josef Grom alle Biberreviere im Landkreis Biberach erfasst und je nach Konfliktpotenzial kartiert. Demnach gibt es 264 Biberreviere im Kreisgebiet. 28 Prozent von ihnen liegen in Bereichen, in denen der Biber willkommen ist (grüne Kategorie). Bei 49 Prozent der Reviere sind die Konflikte überschaubar und lösbar (gelbe Kategorie). Auch bei weiteren 22 Prozent sind die Konflikte befriedbar, aber zu einem hohen Aufwand (orange Kategorie). Lediglich bei einem Prozent der Reviere werden die Konflikte als nicht lösbar bewertet (rote Kategorie). Die Biberreviere am Tobelbach bei Oberwachingen fallen laut Grom in die orange Kategorie.

Copyright Schwäbische Zeitung - Ausgabe Riedlingen vom 13.11.2019

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