Manche Diesellok ist unersetzlich - 4.12.2019

Auch nach der Elektrifizierung fahren nicht alle Züge auf der Südbahn mit Strom

Von Kara Ballarin

Stuttgart - Die Bauarbeiten zur Elektrifizierung der Südbahn kommen gut voran. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Auch wenn die Arbeiten abgeschlossen sind, werden auf der Strecke zwischen Ulm und Lindau wohl weiter Dieselzüge fahren. Das hat das Verkehrsministerium in Stuttgart nun auf Anfrage des Biberacher CDU-Abgeordneten Thomas Dörflinger bestätigt. Die Hintergründe im Überblick:

Ab wann können Züge elektrisch betrieben auf der Südbahn fahren?

Die Bauarbeiten liegen im Zeitplan, erklärt Uwe Lahl, Amtschef von Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne). Zum Fahrplanwechsel im Dezember 2021 sollen sie abgeschlossen sein. Das hätten Vertreter der Deutschen Bahn auch bei der jüngsten Sitzung des Interessenverbands Südbahn beteuert, erklärt der Landrat des Bodenseekreises, Lothar Wölfe (CDU). Er ist Vorstandssprecher des Interessenverbands.

Werden die Züge ab diesem Zeitpunkt von E-Loks gezogen?

Zum Teil, aber längst nicht alle. Das liegt daran, dass gerade die Strecke zwischen Ulm und Friedrichshafen von verschiedenen Zugverbindungen befahren wird. Experten sprechen hierbei von sogenannten Netzen. Die können sich zum Teil überlagern. Mit dem Begriff Südbahn ist konkret die Strecke von Ulm über Aulendorf nach Lindau gemeint. Sobald überall entlang der Strecke die Oberleitungsmasten stehen, können die Züge zwischen Stuttgart und Lindau mit E-Loks durchfahren. Die Züge müssen nicht mehr im Ulmer Hauptbahnhof eine Pause einlegen, um E- mit Dieselloks zu tauschen. „Ab dem Fahrplanwechsel im Dezember 2021 kommen acht einheitliche elektrische Loks (...) zum Einsatz“, erklärt Ministerialdirektor Lahl auf Dörflingers Anfrage.

Welche Zugverbindungen werden weiter mit Dieselloks bedient?

Mutmaßlich noch einige. Das betrifft zum einen all jene Züge, die von Ulm aus in Friedrichshafen in Richtung Basel abzweigen statt nach Lindau. Da diese Regionalexpress-Linie die Bodenseegürtelbahn entlangführt, die noch nicht elektrifiziert ist, müssen hier auch weiter Dieselloks eingesetzt werden. Hinzu kommt das sogenannte Netz 16a. Darunter fasst das Verkehrsministerium Regionalbahnlinien zwischen Ulm und Aulendorf, zwischen Ulm und Biberach Süd sowie eine Linie zwischen Ulm und Friedrichshafen. Der Vertrag für diese Verbindungen läuft bis 2023, also noch zwei weitere Jahre, nachdem die Elektrifizierung der Südbahn wohl fertig ist.

Diese Züge werden also bis Ende 2023 von Dieselloks gezogen?

Das hängt von der DB Regio ab. Rein rechtlich darf sie das so handhaben. Aber, erklärt Lahl, das Ministerium verhandle derzeit mit der Bahn darüber, bereits ab 2021 E-Loks einzusetzen. Ob das gelingt, sei offen. Der CDU-Verkehrsexperte Dörflinger betont: „Ausdrücklich unterstütze ich das Verkehrsministerium in seinen Bemühungen, dass für das Netz 16a bereits ab 2021 Elektrotriebfahrzeuge eingesetzt werden können.“

Wie sind die Reaktionen darauf?

„Es hieß jahrelang: kein Diesel unter Fahrdraht“, sagt Landrat Wölfle. Entsprechend kritisch hätten sich manche Teilnehmer bei der jüngsten Sitzung des Interessenverbands Südbahn geäußert. Wölfle selbst beschwichtigt. „Wir haben 170 Jahre auf die Elektrifizierung gewartet“, sagt er. Zwei Jahre länger warten zu müssen, bis keine Dieselloks mehr führen, dürfe man nicht überbewerten. Doch er sagt auch: „Ich kann mir schon vorstellen, dass das Unzufriedenheit hervorruft.“

Was ist mit der Bodensee-Oberschwaben-Bahn (BOB)?

Bei der BOB, die zwischen Friedrichshafen und Aulendorf verkehrt, sieht die Lage etwas anders aus. Sie ist die einzige Verbindung auf der Südbahntrasse, die nicht von der Deutschen Bahn bedient wird. Ihre Gesellschafter sind die Kreise Bodensee und Ravensburg sowie die Städte Friedrichshafen, Ravensburg und Meckenbeuren. Der Vertrag mit dem Land ist unbefristet, es reicht eine Kündigung mit zwölfmonatigem Vorlauf. Landrat Wölfle, Beiratsvorsitzender der BOB, äußert sich noch nicht zum Wechsel von Diesel- auf E-Loks. Zu groß sei derzeit noch die Unsicherheit, wie es mit der BOB weitergehe. „Wir sind in vernünftigen Gesprächen mit dem Verkehrsministerium“, sagt Wölfle. „Der Verkehrsminister hat zugesagt, dass es weitergehen soll“, auch wenn die Verträge neu ausgeschrieben werden. Er hofft auf entsprechenden Vorlauf vom Ministerium, damit sich die BOB-Gesellschafter rechtzeitig um anderes Zugmaterial kümmern könnten. Man habe sich zwar schon informiert, sagt Wölfle, „aber wir kriegen nicht von heute auf morgen E-Loks aus dem Hut gezaubert“.

Wann werden die Strecken denn neu ausgeschrieben?

Das Verkehrsministerium arbeite an einem Vergabekonzept für alle Linien auf der Südbahn, erklärt Lahl. Das soll im ersten Halbjahr 2020 vorliegen. Dabei kämen auch die Zuschnitte der verschiedenen Netze auf den Prüfstand. Erst wenn das Gesamtkonzept stehe, sei klar, wann welche Züge fahren.

Copyright Schwäbische Zeitung - Gesamtausgabe, Seite 2 - "Wir im Süden" vom 4.12.2019

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