Bei Anschlusszügen drohen Probleme - 25.9.19

Am 1. Dezember gibt die Bahn-Netz AG ihre Steuerungsfunktion ab – Verkehrsministerium bestätigt Befürchtungen der Landes-CDU

Von Christoph Link

Schienenverkehr Anschlusszüge zu verpassen, ist für Bahnreisende immer ein Ärgernis. Wenn demnächst private Betreiber die sogenannte Anschlusssicherung im Land übernehmen, scheinen Probleme programmiert zu sein.

Stuttgart - Die CDU-Fraktion im Landtag befürchtet neuen Ärger für Bahnkunden im Südwesten durch eine Änderung bei der Steuerung von Bahnanschlüssen, bei denen es für die Reisenden oft um wenige Minuten geht. Zwar kann ein Anschlusszug kurz warten, aber ob und wie lange, das muss koordiniert werden: Die Kapazität der Strecke, der parallel laufende Fern- und Güterverkehr sowie das Erreichen anderer Anschlüsse spielen dabei eine Rolle. Bisher hat diese Abstimmung meist die DB Netz – also der Infrastrukturbetreiber – vorgenommen, aber ab dem 1. Dezember soll die sogenannte Anschlusssicherung den verschiedenen im Land tätigen Bahnunternehmen übertragen werden, das sind beispielsweise die DB Regio, Go-Ahead, Abellio und die Südwestdeutsche Landesverkehrs-AG (SWEG).

Die Neuregelung stoße beim Land, bei den Eisenbahnverkehrsunternehmen sowie dem Nahverkehrsverbund Baden-Württemberg auf „einhellige Ablehnung“, teilte jetzt Uwe Lahl, Amtsdirektor im Stuttgarter Verkehrsministerium, auf eine Anfrage des CDU-Landtagsabgeordneten Thomas Dörflinger mit. Und: „Wir befürchten einen erheblichen Mehraufwand für die betroffenen Leitstellen der Eisenbahnverkehrsunternehmen und dennoch eine spürbare Verschlechterung der Anschlusssicherheit.“ Das Ministerium teile die Auffassung der CDU, „dass insbesondere bei der Vielzahl gering verspäteter Züge mit kurzen, planmäßigen Anschlüssen die Anschlusserreichung gefährdet sein dürfte“. Dörflinger, der verkehrspolitischer Sprecher seiner Fraktion ist, sieht sich damit in seiner Sorge bestätigt: „Es wird noch eine weitere Verschlechterung beim Erreichen der Anschlüsse geben.“

Die neue Vielzahl von Bahnunternehmen im Südwesten, die dem früheren Monopolisten Bahn in den letzten Jahren als Konkurrenten erwachsen sind, habe die Anschlusssicherung schon in der jüngeren Vergangenheit nicht einfacher gemacht. Wie aus der Antwort auf die CDU-Parlamentsanfrage hervorgeht, hat sich bei 18 der 20 für den Südwesten wichtigsten Bahnhöfe der „Anschlusserreichungsgrad“ in den Jahren von 2015 bis 2019 um einige Prozentpunkte verschlechtert. Nur in den Bahnhöfen Mannheim und Crailsheim hat er sich leicht verbessert. Im Durchschnitt der 20 Bahnhöfe ist der Anschlusserreichungsgrad von 95,65 im Jahr 2015 auf 94,24 im Jahr 2019 gesunken. Die drei Schlusslichter sind Schorndorf (83,56), der Stuttgarter Hauptbahnhof (90,03) sowie Aulendorf (91,83).

Gerade bei kurzfristigen Verspätungen und kurzen Umsteigezeiten, so Dörflinger, könnten Anschlüsse gefährdet sein, was vom Verkehrsministerium bestätigt wird: Die „Meldekette“ sei viel zu lang, um das Erreichen eines Anschlusses noch umzusetzen: Lokführer, Leitstelle des zubringenden Eisenbahnunternehmens, Leitstelle des aufnehmenden Eisenbahnunternehmens, DB Netz und dann erneut Leitstelle des aufnehmenden Bahnbetreibers.

Bei aller Einigkeit über die Problemananlyse sind das von den Grünen regierte Verkehrsministerium und die CDU nicht einer Meinung, was nun zu tun sei: Die DB Netz AG habe „keine Bereitschaft“ gezeigt, eine Vereinbarung zur Fortsetzung ihrer zentralen Steuerungsfunktion für Anschlüsse abzuschließen, sagt das Ministerium. Man strebe aber mit den Eisenbahnunternehmen eine Fortführung der bisherigen, zugspezifischen Wartezeitregelungen an, die negative Wirkungen für die Fahrgäste ausschließe.

Für Thomas Dörflinger ist das nicht genug: „Ich hätte mir mehr Aktivitäten des Ministeriums gegenüber der DB Regio gewünscht.“ Die CDU erwarte, dass das für den Nahverkehr zuständige Ministerium gemeinsam mit DB Netz und den Eisenbahnunternehmen eine Lösung finde, die die Anschlusssicherung nicht weiter verschlechtere. „Auch die DB als Gesamtkonzern muss ein Interesse daran haben, dass der Schienenverkehr attraktiv ist“, sagte Dörflinger. Die DB Netz müsse daher als Infrastrukturbetreiber seine Verantwortung wahrnehmen und auch künftig die Anschlusssicherung durchführen.

Copyright Stuttgarter Nachrichten - Stadtausgabe vom 25.09.2019